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Farbe ist keine Privatangelegenheit!

„Die Farbe gefällt mir nicht!“ Diese Aussage ist nicht relevant und die private Meinung ist nicht gefragt, wenn es um eine Farbentscheidung für einem öffentlichen Bereich geht. Diese Diskussion habe ich in jedem Projekt. Mit dem knappen Statement ist dann eine Farbe abgelehnt – einfach so. „Gefällt mir nicht!“ Selbst Männer sind mit dieser Aussage sehr forsch dabei, obwohl viele Männer eigentlich bei dem Thema Gestaltung den Frauen eine größere Kompetenz zugestehen. (Ich kenne einige Männer, die wissen, dass das nicht ihre Kernkompetenz ist und sich von ihrer Frau die Anziehsachen rauslegen lassen…). Ich nehme das Thema jetzt schon grundsätzlich in die Präsentation bei einem Projekt auf – vorab, direkt an den Anfang, bevor ich zum Thema des Farb- und Materialkonzeptes für das eigentliche Projekt komme. Das hat sich bewährt. Und viele sind sehr angetan und dankbar für diese Perspektive zum Thema Farbauswahl. Dann muss ich im Verlauf der Projektarbeit nur noch kurz daran erinnern, falls jemandem in der Arbeitsgruppe dieser Grundsatz entfällt. Blöd ist nur, wenn in der Entscheiderrunde nicht alle von Anfang an dabei sind und eine Person zu irgendeinem Zwischenschritt dazu stößt und dieser Satz mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein wieder fällt: „Die Farbe gefällt mir nicht!“

Farbe ist wichtig- überlebenswichtig!

Farben und die Farbwahrnehmung ist äußerst wichtig für unser tägliches Leben und hat vielfältige Auswirkungen auf unsere Sinneserfahrungen, unser Verhalten und unsere kognitiven Prozesse.

Farbe sichert Überleben und bringt Sicherheit: Die Fähigkeit, Farben wahrzunehmen, hilft uns, potenzielle Gefahren zu erkennen. Zum Beispiel signalisiert die Farbe Rot in vielen Kulturen Warnungen oder Gefahren, während die Farbe Grün oft mit Sicherheit oder Zustimmung assoziiert wird. Verkehrsschilder, Warnhinweise und Signale verwenden Farben, um wichtige Informationen zu vermitteln und uns vor Gefahren zu schützen.

Farbe steigert Kommunikation und macht Emotionen deutlich: Farben sind ein wesentlicher Bestandteil unserer nonverbalen Kommunikation. Sie können Emotionen ausdrücken, Stimmungen vermitteln und subtile soziale Signale senden. Die Art und Weise, wie wir Farben interpretieren und darauf reagieren, beeinflusst unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen.

Farbe gestaltet Ästhetik und macht Design attraktiv: Farben spielen eine entscheidende Rolle in der Ästhetik von Kunst, Design und Architektur. Sie beeinflussen unser ästhetisches Empfinden und unsere Wahrnehmung von Schönheit. Die richtige Verwendung von Farben kann die Attraktivität von Objekten, Räumen und visuellen Medien erheblich verbessern.

Farbe bringt Identität und schafft Kultur: Farben können Teil unserer Identität und kulturellen Zugehörigkeit sein. Bestimmte Farben können mit bestimmten Gruppen, Ideen oder Werten assoziiert werden und helfen, individuelle oder gemeinschaftliche Identitäten auszudrücken.

Farbe lenkt unsere Kognitiven Prozesse: Farben beeinflussen unsere kognitiven Prozesse auf vielfältige Weise. Studien haben gezeigt, dass sie die Aufmerksamkeit lenken, das Gedächtnis beeinflussen und die Wahrnehmung von Zeit und Raum verändern können. Die Verwendung von Farben in Lernmaterialien, Grafiken und anderen visuellen Hilfsmitteln kann daher die kognitive Leistung und das Verständnis verbessern.

Räume können heilen! Healing Design in der Innenarchitektur hat die Aufgabe, Räume zu gestalten, die das körperliche, geistige und emotionale Wohlbefinden fördern, indem sie eine harmonische, beruhigende und heilende Umgebung schaffen. Eins der entscheidenden Gestaltungselement ist die Farbgestaltung.

Mehr dazu in meinem Blogartikel Healing Design geschrieben.

Farbentscheidungen sind persönlich!

Ja, eine Farbentscheidung hat definitiv mit persönlichem Geschmack zu tun. Die Wahl von Farben in verschiedenen Kontexten wie Kunst, Design, Mode, oder der Gestaltung von Räumen ist oft stark von individuellem Geschmack und ästhetischen Vorlieben geprägt. Hier sind 5 Gründe dafür:

  1. Kulturelle Einflüsse: Der Geschmack in Bezug auf Farben kann auch von kulturellen Einflüssen geprägt sein. In verschiedenen Kulturen haben bestimmte Farben unterschiedliche Bedeutungen und Konnotationen, die sich auf die Vorlieben der Menschen auswirken können.
  2. Trends und Mode: Trends und Mode spielen eine große Rolle bei der Farbentscheidung. Farben unterliegen Modetrends und können sich im Laufe der Zeit ändern. Menschen bevorzugen möglicherweise Farben aufgrund aktueller Trends oder Modeerscheinungen. Sie möchten sich dadurch zu einer Gruppe von Menschen dazugehören, hipp und modern sein und mit der Zeit gehen. Sie haben sichtbar die aktuellen Lifestyle Attribute.
  3. Persönliche Erfahrungen: Unsere individuellen Lebenserfahrungen und Erinnerungen können unsere Vorlieben für bestimmte Farben beeinflussen. Bestimmte Farben könnten positive oder negative Assoziationen mit vergangenen Ereignissen oder Emotionen haben, die so Vorlieben beeinflussen.
  4. Psychologische Faktoren: Die Psychologie spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Farbvorlieben. Bestimmte Farben können bestimmte Emotionen auslösen oder psychologische Wirkungen haben und werden oft basierend auf den damit verbundenen Emotionen ausgewählt. Einige Menschen wählen Farben, die sie glücklich oder beruhigt machen, während sie andere Farben vermeiden, die negative Gefühle auslösen könnten.
  5. Persönlicher Stil: Der persönliche Stil und die Persönlichkeit einer Person können sich in den von ihr bevorzugten Farben widerspiegeln. Einige Menschen bevorzugen zum Beispiel lebendige und lebhafte Farben oder möchten in den Vordergrund treten und aus der Masse durch besonders leuchtende Farben oder wilde Musterungen heraus treten. Andere wählen eher gedämpfte oder neutrale Töne.
  6. Biologische Faktoren: Einige Forschungen deuten darauf hin, dass biologische Faktoren wie genetische Veranlagung eine Rolle bei der Entstehung von Farbvorlieben spielen könnten. Zum Beispiel könnte die Empfindlichkeit der Augen gegenüber bestimmten Farbtönen von Person zu Person variieren.

Insgesamt entsteht der individuelle Farbgeschmack durch eine komplexe Interaktion dieser Faktoren, die einzigartig für jede Person ist.

Wie treffe ich eine unpersönliche Farbwahl?

Wenn mir diese Erkenntnisse bewußt sind, dann stellt sich doch jetzt die Frage: wie treffe ich professionelle Entscheidungen über eine Farbgestaltung für einen öffentlichen Bereich? Für Orte, wo sich viele, unterschiedlich geprägte Menschen aufhalten? Wie werde ich den Anforderungen und Erwartungen gerecht?

Welche Ansätze und Methoden gibt es? Wie komme ich zu einer richtigen Farbentscheidung?

A. Der Kernfrage-Satz


WER,
macht WAS,
zu WELCHEM Zweck in diesem Raum?
WIE soll sich das anfühlen?

Gudula Be-Pechhold, Mein Leitsatz um die Wirksamkeit eines Raumes zu Entwickeln.

WER Welche Menschen werden sich in dem Raum aufhalten? Alter, Herkunft, Geschlecht, wie viele Menschen sind im Raum, gesund, krank, Persönlichkeit, Besonderheiten

WAS machen diese Menschen in dem Raum? Was wird da erledigt, getan? Was benötigen sie dazu?

WELCHEN ZWECK hat der Aufenthalt in diesem Raum? Sind sie alleine dort, kommen sie öfter dort hin, regelmäßig, was wollen sie dort tun? Was trägt der Raum zur Erledigung der Aufgabe bei? Warum genau dieser Raum und kein Anderer?

WIE fühlt sich das an? Eine passende Atmosphäre hilft den Menschen, die Aufgabe, die sie an dem Ort zu erledigen haben auch zu erledigen. Das kann von konzentrierter Arbeit bis hin zur Entspannung und Stressbewältigung gehen. Was tut gut? Welche Stimmung würde sie unterstützen?

B. Die Analyse : Ästhetische und funktionale Aspekte

Wir müssen eine Analyse des Zwecks und Kontextes vornehmen, um die richtige Entscheidung treffen zu können.

+ Überlegen Sie sich, für welchen Zweck Sie die Farbentscheidung treffen und in welchem Kontext die Farben verwendet werden sollen. Berücksichtigen Sie dabei Faktoren wie Zielgruppe, Markenidentität, kulturelle Aspekte und den gewünschten Stil. + Mit Hilfe der Farbpsychologie können wir die gewünschten emotionalen und visuellen Wirkungen erzielen. Die Bedeutungen und Assoziationen von verschiedener Farben sind zu berücksichtigen. + Farbharmonie und -kontrast für die ausgewählten Farben sind zu berücksichtigen und wie groß die Farbflächen sind. Verwenden Sie Werkzeuge wie Farbrad oder Farbpaletten, um Farbkombinationen zu finden, die visuell ansprechend sind und gut miteinander harmonieren. + Dabei spielt die Nutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit eine wichtige Rolle. Sind die Farben leicht lesbar und auch für Menschen mit Sehbehinderungen? + Ein Feedback von anderen Personen einholen, um verschiedene Perspektiven zu erhalten und sicherzustellen, dass Ihre Farbentscheidung für Ihr Publikum ansprechend ist. Dies kann durch Umfragen, Fokusgruppen oder direktes Feedback erfolgen. + Testen und iterieren: der Farbentscheidung in verschiedenen Kontexten und Iterationen, um sicherzustellen, dass sie die gewünschten Ergebnisse liefert. Passen Sie bei Bedarf Farben an und optimieren Sie sie entsprechend. In der Kombination der Methoden können Sie zu einer allgemein gültigen Farbentscheidung gelangen, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch funktional ist.

C. Die Stellvertreter Methode: Übertragungsmethode von bestehenden Farbharmonien

Hier nimmt man sich ein Vor-Bild, also einen Stellvertreter um eine gelungene Farbkomposition in einem andern Kontext zu nutzen. Ich mache mir noch einmal ganz deutlich, was ich mit der Atmosphäre des Raumes erreichen möchte und suche in einem Fundus von Bildern, Fotos, Gemälden nach einer passenden Farbharmonie. Ich nehme dann das Bild und analysiere die Farben, die Farbverteilung und die Farbflächenanteile und übertrage Sie auf die Situation die ich gestalten möchte.

Ein Beispiel der Farbkonzeptentwicklung für mein Projekt der Patientenzimmer für das Krankenhaus Bethanien im Moers. Weitere Details dazu in meinem Blogartikel: Ein Haus zum Gesunden.

D. Mindmemory

Farbfindung über einen eher intuitiven Weg mache ich oft, wenn ein Farbkonzept für bestimmte Nutzer gesucht wird mit Hilfe des von mir entwickelten MINDMEMORY. Hier bitte ich die Person aus einer von mir entwickelten Bildkartensammlung, intuitiv, einige Karte auszuwählen. Bilder die sie anspricht oder Ihre Idee des Raumes zeigt. Ich frage damit sowohl die Farbvorlieben, wie auch die Präferenzen für Formen und Oberflächengestaltung ab. Das ist auch sehr hilfreich ist, wenn mehrere Menschen ein gemeinsames Farbwahl finden müssen. Hier kann man wunderbar Gemeinsamkeiten finden und zu einem gutem Ergebnis für alle kommen. Das ist allerdings eher für den persönlichen Bereich geeignet.

Ein ganz entscheidender Unterschied ist, ob ich als Innenarchitektin für eine Gruppe von Nutzern von Räumen das Konzept erstelle, oder ob ich mit verschiedenen Menschen, mit unterschiedlichsten Erfahrungen, Wissensständen und Weltanschauungen gemeinsam etwas erarbeite. Ein dramatischer Unterschied. Und hier sind wir wieder am Anfang der Geschichte: Farbentscheidungen für einen öffentlich und von vielen Menschen genutzten Raum muss von persönlichen Geschmäckern und Vorlieben getrennt werden – sonst kommt man nicht zum richtigen Ergebnis!

Farbauswahl mit Vielen – für Alle

Das ist letztendlich die größte Herausforderung. Meine Erfahrung ist, dass es ganz wichtig ist, die Projektentscheider auf dem Entscheidungsweg mitzunehmen und den Prozeß der Entscheidungsfindung offen zu legen und zu erklären. Das ist bei emotionalen Themen natürlich schwierig. Gefühle sind immer eher persönlich, Jeder hat eine persönliche Meinung dazu. Eine überzeugende Kraft sind: Daten und Fakten. Da ist die Methode des Evidence based Design eine überzeugende Grundlage.

Evidence-based Design ist eine Gestaltungsmethode, die es ermöglicht, auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und Forschungsergebnisse, fundierte Gestaltungsentscheidungen zu treffen. Die Effektivität von Designlösungen wird kontinuierlich evaluiert und verbessert.

Mehr dazu unter: Evidence-based design

Und wenn gar nichts mehr Hilft, muss ich dann doch mal an das Vertrauen der Beteiligten in meine Kompetenz und Erfahrung appellieren.

Kann eine Farbeentscheidung falsch sein?

Ja, eine Farbauswahl kann „falsch“ sein, wenn sie nicht den beabsichtigten Wirksamkeit im Raum erfüllt oder sogar kontraproduktive und negative Auswirkungen hat. Hier sind einige Situationen, in denen eine Farbauswahl als falsch angesehen werden kann:

  1. Missverständnis der Zielgruppe: Wenn die ausgewählten Farben nicht die Vorlieben, Erwartungen oder kulturellen Bedeutungen der Zielgruppe berücksichtigen, kann dies zu Missverständnissen oder Ablehnung führen.
  2. Schlechte Lesbarkeit oder Kontrast: Wenn die Farben schlecht lesbar sind oder nicht genügend Kontrast bieten, kann dies zu Problemen bei der Benutzerfreundlichkeit führen, insbesondere in digitalen Produkten oder Designs.
  3. Fehlende Markenidentität: Wenn die Farben nicht zur Markenidentität passen oder die gewünschten Markenwerte nicht angemessen vermitteln, kann dies die Glaubwürdigkeit und den Wiedererkennungswert beeinträchtigen.
  4. Negative emotionale Wirkung: Wenn die ausgewählten Farben negative emotionale Reaktionen hervorrufen oder nicht die gewünschten Stimmungen oder Gefühle vermitteln, kann dies das Endergebnis beeinträchtigen. Stichwort Healing Design!
  5. Mangelnde Barrierefreiheit: Wenn die Farben nicht barrierefrei sind und bestimmte Personen mit Sehbehinderungen oder Farbfehlsichtigkeit benachteiligen werden, kann dies zu Diskriminierung oder rechtlichen Problemen führen. Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden ist in den Bauordnungen verankert.

Es ist wichtig, dass Farbentscheidungen sorgfältig überlegt und geprüft werden, um sicherzustellen, dass sie sowohl ästhetisch ansprechend als auch funktional sind und die beabsichtigten Ziele erreichen.

Zu diesem Thema habe ich bereits einen Blogartikel mit dem Titel: Welche Farbe ist die Richtige? 6 Fragen für eine richtige Farbentscheidung geschrieben.

Zusammenfassung

Persönliche Vorlieben und Geschmäcker sind im privaten Umfeld richtig und wichtig, um sich mit einem Ort zu identifizieren und seine Individualität auszuleben – gerne. Bunt, schräg, wild oder einfarbig, still und klar – so wie es gefällt. Aber die Kriterien für eine Farbauswahl für öffentliche Bereiche haben eine ganz andere Anforderung und Zielsetzung. Das muss erkannt, verstanden und akzeptiert werden. Die eigenen Lieblingsfarben spielen in diesem Fall keine Rolle und müssen bewußt und klar bei der Farbentscheidung eliminiert werden.

Ein paar persönliche Anmerkungen zu dieser Situation in meinen Projekten, wenn es um Farb- und Materialkonzepte geht. Für mich ist es oft ein schmaler Grad, einen Weg zwischen arrogant wirkendem Selbstbewusstsein im Umgang mit Farbe und dem respektvollen Umgang der Mitwirkenden zu finden. Wie finde ich den Zeitpunkt, an dem ich Meinung anhöre und dann Vorstellungen zurückweise, Freundlichkeit behalte und mich über bestimmte Meinungen auch klar hinwegsetzte. Für mich steht das gute und erfolgreiche Ergebnis im Mittelpunkt meiner Arbeit. Ich möchte das mit Überzeugung und einer respektvollen Kommunikation schaffen. Für mich ist ein Projekt dann erfolgreich, wenn sich alle Beteiligten mitgenommen und sich als Teil des Entscheidungsprozesse angenommen fühlen und wir gemeinsam das best mögliche Ergebnis im Sinne des Projektes erzielen. Ich bin sehr dankbar, dass mir das in den aller meisten Fällen gelingt.

Das Gefühl am Ende einen gestalteten Raum zu betreten, der die Atmosphäre ausstrahlt die geplant wurde und sich die Nutzer von der Wirksamkeit des Raumes umarmt und getragen fühlen, ist das was, meinen Beruf so wundervoll macht.

Her mit Herausforderung zum Thema Farbgestaltung – ich freue mich über kleine persönliche Aufgaben bis hin zu großen Konzeptaufgaben für Projekte.

Hier geht es zu meinem Kontaktformular.