Healing Design in der Neonatologie · Teil 2: Die überraschende Bedeutung des Flurs
Wir starten mit dem Flur. Okay – mit dem Flur. Und genau da steckte die erste Überraschung.
Ich habe selbst nicht damit gerechnet, wie viel in diesem scheinbar funktionalen Zwischenraum steckt. Der Flur in der Neonatologie – das ist doch einfach der Weg von A nach B. Oder?
Im ersten Teil dieses Artikels Die Kleinsten retten: Healing Design für eine Neonatologie, habe ich beschrieben, was Healing Design ist, warum es in der Neonatologie eine besondere Rolle spielt – und wie ich mit der H-Space-Methode systematisch von den Bedürfnissen der Nutzer zur Zielatmosphäre komme. Das war die Theorie und am Ende habe ich ehrlich zugegeben: Jetzt fängt die eigentliche Arbeit erst an.
Eine Erkenntnis am Anfang: Der Flur ist kein Restbereich
Als ich begann, mich mit dem konkreten Raumgefüge dieser Neonatologie auseinanderzusetzen, habe ich – wie immer – mit der Begehung angefangen. Ich habe Pläne gesichtet, mit dem Team gesprochen, die Abläufe verstanden. Und dann bin ich durch den Flur gelaufen. Immer wieder.
Und da ist mir klar geworden: Dieser Raum ist der erste Kontaktpunkt. Für Eltern, die täglich kommen – oft mehrmals. Geschwisterkinder, die nervös an der Hand gehalten werden. Für Großeltern, die nicht wissen, was sie erwartet. Und für das Pflegepersonal, das hier im Laufschritt oder erschöpft nach einer Nachtschicht vorbeigeht.
Der Flur ist nicht Restfläche. Er ist Schwelle. Und er wird jeden Tag dutzendfach betreten und verlassen – jedes Mal mit einem anderen emotionalen Gepäck.
Das hat mich überrascht. Und es hat mein Denken über das gesamte Projekt verändert. Denn der Flur wird oft unterschätzt. Er hat aber durch die vielen rein funktionalen Aufgaben einen schwierige Position. Er ist Wegezone, Abstellfläche, meist lang und ist dadurch einfach unattraktiv und er kann kann kaum möbliert werden, weil Betten, Essenswagen und Materialien transportiert werden müssen und Platz brauchen. In der Decke wird oft die gesamte Technik einer Station geführt, mit Revisionsklappen, der Rufanlage und vielen anderen technischen Einrichtungen. Schilder und Beschriftungen zu vielen Themen. Die Multi-Nutzung hat zur Folge, das es einen Rammschutz an der Wandfläche entlang des gesamten Flures gibt, Eckschutzschienen und einen Handlauf. Eben so ein typischer Flur.


Was die Forschung sagt: Der Flur als therapeutischer Raum
Was meine persönliche Erkenntnis bestätigt, findet sich auch in der Forschung – und das klarer, als ich zunächst gedacht hätte.
Studien zur Gestaltung von Neonatologie-Stationen zeigen, dass Eltern die Qualität von Übergangsbereichen – also Flure, Eingangszonen, Warte- und Zwischenräume – als wesentlichen Faktor für ihr emotionales Wohlbefinden erleben. Nicht als Nebensächlichkeit, sondern als aktiven Bestandteil ihrer täglichen Erfahrung auf der Station.
Was Eltern besonders hilft, sind dabei vier konkrete Aspekte:
- Klare Orientierung: Eltern brauchen Sicherheit im Raum. Wer weiß, wo er ist und wohin er geht, kommt ruhiger an.
- Natürliche Elemente: Tageslicht, Pflanzen, Naturmaterialien – selbst kleine biophile Akzente wirken messbar stressreduzierend.
- Gedämpfte Akustik: Flure in Krankenhäusern sind oft laut. Schallabsorbierende Materialien im Flurbereich können die emotionale Anspannung deutlich senken.
- Möglichkeiten zum kurzen Verweilen: Ein Rückzugsmoment im Flur – eine Sitzgelegenheit, eine ruhige Ecke – wird von Eltern als wohltuend erlebt, auch wenn sie ihn selten bewusst nutzen.
Der Flur ist damit nicht länger nur infrastrukturell zu denken. Er ist Teil des therapeutischen Raums – auch wenn er nicht als Behandlungsraum genutzt wird, hat er eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.
Drei Rollen, die der Flur gleichzeitig erfüllt
In meiner Analyse für dieses Projekt habe ich herausgearbeitet, dass der Flur in einer Neonatologie nicht eine, sondern drei Funktionen gleichzeitig trägt. (Zusätzlich zu der klassischen Aufgabe als Verkehrs- und Verteilerzone!) Und das macht ihn zu einem der anspruchsvollsten Bereiche im gesamten Raumprogramm.
Der Flur ist Verteiler und Wegeführung zugleich. Er muss intuitiv lesbar sein – für Menschen, die zum ersten Mal kommen, und für Eltern, die täglich da sind, aber vielleicht nie ganz ankommen. Eine klare Struktur, gut lesbare Orientierungspunkte und eine ruhige visuelle Führung reduzieren kognitive Belastung. Das klingt simpel – ist es aber nicht, wenn man den begrenzten Raum bedenkt, der in vielen Bestandsgebäuden zur Verfügung steht.
2. Atmosphärische Pufferzone
Der Flur liegt zwischen zwei Welten: der Außenwelt – dem Alltag, der Parkplatzsuche, dem vielleicht weinenden Geschwisterkind – und dem Inneren der Station, wo ein winziges Kind liegt. Dieser Übergang braucht eine Pufferzone. Einen Raum, der weder klinisch-hart noch emotional überwältigend ist. Der ankommen lässt, ohne zu überfordern. Gedämpfte Naturtöne, warme Materialien, ruhige Linien – gestalterisch bewusst neutral.
3. Kurzzeit-Rückzug
Nicht jede Elternpause kann im dafür vorgesehenen Elternzimmer stattfinden. Manchmal tritt man einfach einen Moment in den Flur zurück. Atmet durch. Schaut aus dem Fenster. Vielleicht weint man kurz, vielleicht streckt man sich. Dieser Bedarf ist real – und er verdient einen Ort, der ihn würdigt. Eine definierte Zone im Flur mit eigenem Charakter, mit Natur, Licht, Weite, Frische. Erkennbar als eigener Ort – zum Beispiel durch einen abweichenden Bodenbelag oder einen Materialwechsel.
Der Entwurfsansatz: Zwei Themen, die den Flur tragen
Aus diesen drei Rollen heraus habe ich für das konkrete Flurkonzept zwei gestalterische Hauptthemen entwickelt, die ich derzeit in den Entwurf übersetze.
Thema 1: Emotionaler Übergang – bewusst gestalten
Der gesamte Flurbereich soll eine Atmosphäre erzeugen, die Eltern (und Personal) weder emotional auflädt noch in klinischer Distanz hält. Der gestalterische Ansatz: beruhigende, erdige Naturtöne als Grundstimmung, warme Materialien, die Geborgenheit signalisieren – Holzoberflächen, Akustikpanele, matte Oberflächen. Dazu eine ruhige horizontale Linienführung, die den Raum weitet statt verengt. Kein Drama. Kein Statement. Ein Raum, der einfach trägt.
Thema 2: Ort zum Aufatmen – einen Platz definieren
An einer definierten Stelle im Flur – idealer Weise mit Tageslichtbezug – entsteht eine Zone, die spürbar anders ist. Biophiles Design ist hier das Leitprinzip: Naturmaterialien, Pflanzen, ein Lichtkonzept, das den Tagesverlauf abbildet, vielleicht ein Ausblick nach draußen oder ein Naturmotiv, das Weite und Stille assoziiert. Diese Zone ist erkennbar als eigener Ort. Nicht durch einen Raumabschluss, sondern z.B. durch einen Materialwechsel im Boden, eine andere Lichtqualität, eine andere Textur an der Wand oder einen Farbwechsel.
Biophiles Design ist keine Dekoration. Es ist eine evidenzbasierte Gestaltungsstrategie, die nachweislich Cortisol senkt, die Herzrate reguliert und das subjektive Wohlbefinden steigert – gerade in Umgebungen mit hoher chronischer Belastung, wie es eine Neonatologie für Eltern darstellt.
Mit dem Thema habe ich mich bereits in einem Blogartikel beschäftigt: Biophilic-Design
Vom Konzept zum Entwurf
Was als Nächstes kommt
Ich bin gerade dabei, diese beiden Themen zeichnerisch und in Materialcollagen zu entwickeln. Die Entwurfsideen – konkrete Gestaltungsbeispiele, Materialvorschläge, Bildsprache – werde ich in einem nächsten Schritt hier ergänzen.
Was mich dabei leitet: Die Theorie ist das eine. Der Raum, die Maße, das vorhandene Budget und die baulichen Möglichkeiten sind das andere. Genau hier liegt die eigentliche Kunst der Innenarchitektur – nicht das Ideal zu entwerfen, sondern das Beste aus der Realität herauszuholen. Und dabei die Bedürfnisse der Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, die jeden Tag durch diesen Flur gehen.
Räume wirken. Auch der Flur. Gerade der Flur.
Ich stehe an Ihrer Seite: Nehmen Sie gerne Kontakt zu mir auf
Sie haben einen Raum, der dringend nach den Bedürfnissen der Nutzer gestaltet werden soll, um eine positive Wirkung zu erreichen? Gerne entwickeln wir gemeinsam ein Gestaltungskonzept – auch kleine Veränderungen können Großes bewirken.

Rufen Sie mich an und wir finden heraus, was Ihre Räume für ein Potenzial entfalten können.
Ihre Innenarchitektin für die Wirksamkeit der Raumgestaltung.
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Über mich:
Seit über 20 Jahren arbeite ich als selbstständige INNENarchitektin im Healthcare Bereich. Ich richte mit Begeisterung, Herz und Verstand Praxen ein, gestalte Krankenhäuser, Altenheime und alle Orte an denen Gemeinschaft stattfindet. Immer mit dem Fokus auf den Bedürfnissen der Nutzer.
Meine Mission ist die Wirksamkeit von Räumen möglichst vielen Menschen näher zu bringen, damit Sie davon profitieren können.
Healing Design ist mein Thema: Konzepte auf wissenschaftlicher Grundlage der Architektur-, Farb- und Wahrnehmungspsychologie, wissenschaftlich fundiert und emotional erlebbar.