Eine Neonatologie ist genau der Ort, an dem Healing Design wirken kann. Aber wie kann man zwischen all der Technik, einer Station ohne Privatsphäre, sehr viel Bewegung und vielen Menschen über Gestaltung etwas für die Nutzer tun? Wie kann Healing Design hier wirken?
Das sind die Fragen, mit denen ich mich im folgenden Artikel auseinandersetzen werde. Healing Design in der Neonatologie – wie geht das?
Vor einigen Jahren habe ich mich schon einmal mit der Gestaltung einer Neonatologie beschäftigt und ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie stark der Besuch auf der Station, emotional auf mich gewirkt hat. Diese unglaubliche Diskrepanz zwischen diesen winzigen, zerbrechlichen Menschlein inmitten der Technik, der Maschinen, der Überwachungsmonitore und verzweifelt wirkenden Eltern. Geräusche, die beängstigen, kaum das Gefühl von Privatheit, plötzlich Notfälle mit rennenden Ärzten und Pflegerinnen. Und dann Eltern, die lächelnd, mittendrin, mit ihren Babys, eingemuckelt in Ruhesesseln liegend. Sehr ruhig und entspannt agierende Pflegerinnen. Bilder von Erfolgsgeschichten auf Pinnwänden, die Mut machen und Zuversicht geben.
Was ist Healing Design?
Healing Design beschreibt die gezielte Gestaltung von Räumen, die das körperliche und seelische Wohlbefinden fördern. Es basiert auf der Erkenntnis, dass die Umgebung einen messbaren Einfluss auf Genesung, Stresslevel und emotionale Stabilität hat. Farben, Licht, Materialien, Akustik und Raumstruktur werden dabei bewusst eingesetzt, um eine Atmosphäre der Sicherheit, Ruhe und Orientierung zu schaffen.
Gerade in Krankenhäusern – Orte, die oft mit Angst, Unsicherheit und Belastung verbunden sind – spielt Healing Design eine zentrale Rolle. Es unterstützt nicht nur Patient:innen in ihrer Genesung, sondern verbessert auch die Arbeitsbedingungen für das medizinische Personal und stärkt die Beziehung zwischen Pflege, Medizin und Angehörigen. Eine durchdachte Gestaltung trägt entscheidend dazu bei, Stress zu reduzieren, Bindung zu fördern und Vertrauen aufzubauen.
Eine ausführlicher Artikel das: Was ist Healing Design?
Was ist eine Neonatologie?
Die Neonatologie ist ein Teilgebiet der Kinderheilkunde, das sich mit der medizinischen Versorgung von Neugeborenen, insbesondere Frühgeborenen und krank geborenen Säuglingen, beschäftigt. Sie umfasst die Diagnostik, Therapie und Pflege in den ersten Lebenswochen – oft unter intensivmedizinischen Bedingungen.
Was beinhaltet die Neonatologie?
- Frühgeborene Betreuung: Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden, benötigen oft intensive medizinische Unterstützung.
- Intensivmedizin: Viele neonatologische Stationen sind Teil der Kinderintensivmedizin und verfügen über spezielle Geräte zur Überwachung und Behandlung.
- Entwicklungsfördernde Pflege: Neben der medizinischen Versorgung liegt ein Fokus auf der Förderung der körperlichen und neurologischen Entwicklung.
- Elternintegration: Die Einbindung der Eltern in die Pflege und Nähe zum Kind ist ein zentraler Bestandteil moderner Neonatologie.

Typische Merkmale einer Neonatologie-Station
- Interdisziplinäre Teams aus Ärzt:innen, Pflegekräften, Therapeut:innen und Sozialarbeiter:innen
- Hoher Grad an technischer Ausstattung mit
- Inkubatoren und Wärmebetten: Zur Temperaturregulation und Schutz der Frühgeborenen
- Monitoring-Systeme: Überwachung von Herzfrequenz, Atmung, Sauerstoffsättigung und Blutdruck
- Beatmungsgeräte: Für nicht-invasive und invasive Atemunterstützung
- Infusions- und Medikamentenpumpen: Präzise Dosierung lebenswichtiger Substanzen
- Lichtsteuerung: Dimmbares Licht zur Anpassung an den Tag-Nacht-Rhythmus und zur Reizreduktion
- Geräuschmanagement: Alarme mit visuellem Feedback, schallgedämpfte Geräte, akustisch optimierte Materialien
Welches Raumprogramm (funktionale Zonen) hat eine Neonatologie
- Pflegebereich: Für medizinische Versorgung, mit direktem Zugang zu Technik und Verbrauchsmaterialien
- Elternbereich: Rückzugszonen mit Sitz- und Schlafmöglichkeiten, oft direkt am Inkubator
- Still-und Bondingräume: Für ungestörte Nähe und Pflege durch die Eltern
- Personalstützpunkt: Für Dokumentation, Kommunikation und schnelle Reaktionsfähigkeit
- Besprechungs- und Beratungsräume: Für Gespräche mit Eltern, interdisziplinäre Abstimmungen
- Flurbereich mit Eingang: Zugang, Verteiler, Wegezonen
- Materiallager und Technikräume: Für Hygieneartikel, Medikamente und technische Wartung
Warum Healing Design in der Neonatologie besonders wichtig ist
In kaum einem anderen medizinischen Bereich ist die Wechselwirkung zwischen Raum, Emotion und Heilung so unmittelbar spürbar wie in der Neonatologie. Deshalb braucht es hier nicht nur funktionale, sondern auch empathische Gestaltung – mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Kleinsten und ihrer Familien.
1. Extrem vulnerable Patient:innen
Frühgeborene und kranke Neugeborene sind medizinisch hochsensibel. Ihre Sinnesorgane – insbesondere Augen, Ohren und Haut – sind noch nicht vollständig entwickelt. Reize wie grelles Licht, laute Geräusche oder hektische Bewegungen können Stress auslösen und die Entwicklung beeinträchtigen. Eine gezielte Gestaltung kann helfen, diese Reize zu minimieren und eine schützende Umgebung zu schaffen.
Frühgeborene: Zahlen und Fakten für Deutschland
Quelle: Bundesauswertung Geburtshilfe 2020
Im Jahr 2020 wurden insgesamt 765.636 Kinder geboren. 60.682 kamen als Frühgeborene zur Welt. 1.071 Kinder wogen bei ihrer zu frühen Geburt weniger als 500 Gramm. Ihre Überlebenswahrscheinlichkeit betrug ca. 37 Prozent. In der Gewichtsklasse zwischen 1000 Gramm und 1500 Gramm lag die Überlebenswahrscheinlichkeit bereits bei 91 Prozent. Die meisten Frühgeborenen kommen zwischen der 32. und der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. In 2020 waren das 49.890 Kinder.
2. Emotionale Ausnahmesituation für Eltern
Eltern von Frühgeborenen erleben oft Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Healing Design kann durch Rückzugsorte, warme Materialien, beruhigende Farben und eine klare Raumstruktur emotionale Stabilität fördern. Räume, die Nähe und Geborgenheit ermöglichen, stärken die Eltern-Kind-Bindung – ein zentraler Faktor für die Entwicklung des Kindes.
3. Arbeitsumfeld für Pflege und Medizin
Pflegekräfte und Ärzt:innen arbeiten in der Neonatologie unter hoher Konzentration und emotionaler Belastung. Eine durchdachte Gestaltung kann Abläufe erleichtern, Stress reduzieren und die Kommunikation im Team verbessern. Auch ergonomische Aspekte und visuelle Klarheit spielen eine große Rolle.
4. Förderung der Entwicklung
Healing Design unterstützt entwicklungsfördernde Pflegekonzepte wie NIDCAP ( siehe Box weiter unten.) Diese Konzepte setzen auf eine Umgebung, die die Selbstregulation des Kindes stärkt – durch Lichtsteuerung, Geräuschreduktion und taktile Reize.
5. Langfristige Wirkung
Studien zeigen, dass eine beruhigende Umgebung in der Neonatologie nicht nur kurzfristig Stress reduziert, sondern auch langfristig positive Effekte auf die neurologische Entwicklung und das Bindungsverhalten haben kann.

Die Definition und weitere Information sind auf der Seite nidcap federation international zu finden.
Bedürfnisorientierte Gestaltung für die Neonatologie
In meiner Arbeit habe ich viele Gestaltungsprozesse ausprobiert und durchgeführt und arbeite seit einigen Jahren mit dem Konzept der bedürfnisorientierten Gestaltung, und das mit voller Überzeugung. Diese Vorgehensweise hat die Bedürfnisse der Nutzer der Räume im Zentrum der Aufmerksamkeit und entwickelt daraus die Atmosphäre, die die bestmögliche Wirkung auf den Heilungsprozess der Nutzer hat. Denn auf dieser Grundlage kann eine Zielatmosphäre festgelegt werden, die dann mit Gestaltungselementen, wie Farbe, Licht, Material und Struktur die heilungsfördernde Umgebung entstehen lässt.
Healing Space Methode, H-Space, heißt die Methode, die ich dazu entwickelt habe. Mehr dazu weiter unten im Artikel.
Die Bedürfnisse der Eltern und ihrer Frühgeborenen und des Pflegepersonals und der Ärzte
- Die Eltern
- Nähe und Bindung: Der Wunsch, möglichst viel Zeit beim Kind zu verbringen – physisch und emotional. Hautkontakt, Blickkontakt und Mitwirkung bei der Pflege sind essenziell.
- Sicherheit und Vertrauen: Eltern brauchen eine Umgebung, die ihnen Orientierung gibt und Vertrauen in die medizinische Versorgung vermittelt.
- Privatsphäre und Rückzug: Räume, die Intimität und Ruhe ermöglichen – zum Stillen, Ausruhen oder für Gespräche mit dem medizinischen Team.
- Transparente Kommunikation: Klare Informationen über den Zustand des Kindes, Abläufe und Möglichkeiten der Mitwirkung.
- Emotionale Unterstützung: Angebote zur psychologischen Begleitung, Austausch mit anderen Eltern oder einfach ein Ort, der Trost spendet.
- Mitgestaltung und Teilhabe: Eltern möchten aktiv eingebunden werden – sei es bei der Pflege, beim Bonding oder in Entscheidungsprozessen.
2. Die Frühgeborenen
- Schutz vor Reizüberflutung: Frühgeborene reagieren empfindlich auf Licht, Geräusche und Berührungen. Eine reizarme, regulierbare Umgebung unterstützt ihre Selbstregulation.
- Temperaturstabilität: Ihr Körper kann die Temperatur noch nicht zuverlässig halten – Wärmebetten und Inkubatoren sind essenziell.
- Rhythmus und Ruhe: Regelmäßige Ruhephasen und ein strukturierter Tag-Nacht-Rhythmus fördern neurologische Entwicklung.
- Körperkontakt und Nähe: Haut-zu-Haut-Kontakt (Känguru-Methode) stärkt Bindung, Immunsystem und Stressresistenz.
- Entwicklungsfördernde Lagerung: Unterstützende Positionierung hilft bei Muskeltonus, Haltung und sensorischer Integration.
- Sicherheit und Geborgenheit: Eine Umgebung, die an den Mutterleib erinnert – weich, warm, rhythmisch – vermittelt Sicherheit und fördert Wachstum.

3. Das Pflegepersonal und die Ärzte
- Übersicht und Orientierung: Klare Raumstruktur, gute Sichtachsen und intuitive Wegeführung erleichtern schnelle Entscheidungen und Abläufe.
- Ergonomie und Funktionalität: Höhenverstellbare Arbeitsflächen, kurze Wege, gut erreichbare Technik und Materialien reduzieren körperliche Belastung.
- Licht und Akustik: Blendfreies Licht und schallgedämpfte Räume fördern Konzentration und reduzieren Stress – besonders bei Nachtarbeit.
- Kommunikation und Teamarbeit: Räume für vertrauliche Gespräche, interdisziplinäre Abstimmungen und ruhige Dokumentation sind essenziell.
- Emotionale Entlastung: Rückzugsorte oder Pausenbereiche mit angenehmer Atmosphäre helfen, mit der psychischen Belastung umzugehen.
- Sicherheit und Hygiene: Materialien und Raumlösungen müssen höchste hygienische Standards erfüllen und gleichzeitig effizient zu reinigen sein.
Der Weg vom Bedürfnis zur Gestaltung: Die Healing-Space-Methode
Für diesen Weg habe ich die Healing-Space-Methode, H-Space, entwickelt. Die Methode hat sich bewährt und zeigt sehr einfach nachvollziehbar den Zusammenhang zwischen Bedürfnis und Gestaltung auf. Uns so läuft der Prozess:
Bedürfnisse erarbeiten
Grundlage ist, die Bedürfnisse der Nutzer oder auch Nutzergruppen herauszufinden, zu benennen und zu klassifizieren.
Beschreibung der Gefühlswolke
Diese Bedürfnisse werden dann mit Adjektiven beschrieben. Das erschafft eine Art Gefühlswolke, die den Bedürfnissen Raum gibt, sie wahrnimmt, beschreibt und unterstützt.
Zielatmosphäre mit Gestaltungselementen ausdrücken
Im nächsten Schritt wird diese Zielatmosphäre mit Farben, Strukturen und Materialien ausgedrückt. Auf Grundlage der Architektur-, Farb- und Wahrnehmungspsychologie. Die Wirkung der Gestaltungselemente im Raum wird mit der Zielatmosphäre in Einklang gebracht.
Bildsprache auswählen
Motivthemen werden für die Bildsprache ausgewählt. Das Bild beschreibt und stellt die Zielatmosphäre da und fasst alle gestalterischen Elemente zusammen.
Matrix
Alle Punkte werden in einer Matrix zusammengeführt und bilden die Grundlage für die wirksame Gestaltung des Raumes.

Sieben Gestaltungsthemen für eine Neonatologie
Generell sind das die 7 Themen, worauf das Gestaltungskonzept eine Antwort finden muss.
- Farbkonzepte: beruhigende, natürliche Töne vs. stimulierende Akzente
- Lichtgestaltung: Tageslicht, dimmbare Beleuchtung, Vermeidung von Blendung
- Akustik: Geräuschreduktion, schallabsorbierende Materialien
- Zonierung: Rückzugsbereich für Eltern, funktionale Arbeitsbereiche für Personal
- Mobiliar und Materialien: pflegeleicht, warm, kindgerecht
- Wandgestaltung: Illustrationen, Naturmotive, interaktive Elemente
- Orientierung und Leitsysteme: intuitive Wegeführung, klare Beschilderung
Nach der Vorbereitung kommt die Herausforderung
Das ist sozusagen die theoretische Vorbereitung einer Planungsaufgabe. Und dann geht es los. Die tatsächliche Gestaltungsarbeit startet jetzt. Und die beginnt mit der Ortsbegehung, dem Pläne sichten, Gesprächen mit der Pflegedienstleitung, der Abteilungsleitung und den MitarbeiterInnen. Wie sieht das Budget aus? In welchem Rahmen kann geplant werden? Sind bauliche Maßnahmen möglich und gewünscht oder ist es eher eine kosmetische Auffrischung der Station?
Die größte Herausforderung ist in der Regel, mit den Gegebenheiten im Bestand zurechtzukommen und Lösungen für knifflige Raumsituationen zu finden. Zwischen all der notwendigen Technik, Raum für Atmosphäre zu finden. Die verschiedenen Bedürfnisse der Nutzer in der Gestaltung umzusetzen: für die Eltern Ruhe, Nähe, Geborgenheit zu schaffen. Für das Personal der Pflegenden und Ärzte die Anforderungen an Funktionalität, Ergonomie, Hygiene, effiziente Arbeitsabläufe und den hohen Bedarf an Kommunikation zu ermöglichen.
Diesen Teil werde ich im laufenden Planungsprozess ergänzen und hoffentlich dann irgendwann die Ergebnisse präsentieren.
Ich freue mich auf die Aufgabe und die Herausforderungen und werde engagiert, das Optimale für die Kleinsten, für Ihren Eltern und für die Mitarbeitenden auf der Station herausholen. Räume wirken – nutzen wir die Chance.
Ich stehe an Ihrer Seite: Nehmen Sie gerne Kontakt zu mir auf
Sie haben einen Raum, der dringend nach den Bedürfnissen der Nutzer gestaltet werden soll, um eine positive Wirkung zu erreichen? Gerne entwickeln wir gemeinsam ein Gestaltungskonzept – auch kleine Veränderungen können Großes bewirken.

Rufen Sie mich an und wir finden heraus, was Ihre Räume für ein Potenzial entfalten können.
Ihre Innenarchitektin für die Wirksamkeit der Raumgestaltung.
Was für eine spannende und sinnstiftende Aufgabe! Ich hab deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen, auch wenn ich statt Räumen eher Drucksachen oder Websites gestalte.
Was ich vermisse: ich würde gern ein paar Beispiele von Räumen sehen, die du gestaltet hast. Vermutlich finden die sich irgendwo auf deiner Website. Hier im Beitrag hätten sie deine Ausführungen bestimmt ebenfalls gut illustriert.
Liebe Grüße aus dem Bergischen Land,
Marianne
Hallo Marianne, vielen Dank für deinen wertschätzenden Kommentar. Da ich die Neonatologie ja jetzt erst plane, gibt es zu dem Thema noch keine Fotos, da bitte ich noch um Geduld. Wenn dich meine Arbeit interessiert schaue gerne auf meiner Homepage oder durch meine andern Blogartikel, da sind einige Fotos von fertigen Räumen. Besonders die Artikel unter den Kategorie Projekt und Projekte im Fokus zeigen fertige Gestaltungen. Viel Freude beim stöbern.